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Nah am Wasser gebaut

Kaum ein Ort wäre besser geeignet für ein Gespräch mit Serge Rolle, dem CEO der Zürcher Testex Gruppe. Hinter den grossen Fensterscheiben der Bar am Wasser umfliesst die Limmat die Mauern des Bauschänzli. Genau dort begann die Geschichte seines Unternehmens, welche, genau betrachtet, auch eine Geschichte des Zürcher Finanzplatzes und Wohlstands ist.

Herr Rolle, nächstes Jahr feiern Sie das 175-Jahre-Jubiläum Ihrer Firma. Zeit der grossen Rückblicke?
So gerne ich mich mit den historischen Geschichten Zürichs beschäftige, zurzeit ist mein Fokus eher auf die Gegenwart und die Zukunft gerichtet.

Die Planung der Festivitäten?
Ja, auch. Aber vor allem auf das operative Geschäft. Es passiert ja gerade wieder mal viel auf der Welt und damit auch in unserer Branche.

Sie leiten ein Unternehmen, welches Textilien prüft und an 28 Standorten in der Welt vertreten ist. Inwiefern tangiert Sie das aktuelle Weltgeschehen?
Auch wenn man früher vielleicht andere Worte dafür brauchte, wir haben schon ein paar Disruptionen erlebt. Manchmal auch nur knapp überlebt. Da beschäftigen wir uns lieber schon heute mit dem Morgen.

Was ist gerade aktuell?
War in den 80er Jahren die Einführung des Labels OEKO-TEX ein grosser Schritt für die Branche und damit auch für uns, reicht das heute nicht mehr. Damals genügte es dem Konsumenten, dass Textilien frei von Schadstoffen für den menschlichen Organismus waren. Davon geht man heute einfach aus und mehr als die Hälfte unserer Kunden schreiben das nicht mal mehr auf ihre Etiketten. Heute wollen die Konsumenten Transparenz. Wir führen gerade das neue Label «Made in Green» ein. Dank eines Barcodes auf jedem Kleidungsstück kann ein Konsument mit seinem Smartphone sehen, woher die Baumwolle kommt, wo sie gesponnen und gewoben, wo weiterverarbeitet wurde. Ethische Kriterien, CO2-Fussabdruck – das ist heute relevant.

Und morgen?
Verantwortung, Transparenz, Nachhaltigkeit. Die Medien sind voller Meldungen über Greta Thunberg. Unternehmen sehen sich gezwungen, Verantwortung zu übernehmen. Das alles ist aber nicht Auslöser, sondern nur Symptom von gesellschaftlichen Veränderungen.

Hochaktuell. Doch lassen Sie uns über die Anfänge sprechen.
Gerne. Vor bald 175 Jah­ren wurden gleich hier drüben, keine 20 Meter von uns entfernt, auf dem Bauschänzli Seidenballen abgeladen. Der Grundstein für Zürichs Aufstieg zur Finanzmetropole. Die Seide kam von Como über die Alpen und via Chur in die Schweiz. Den letzten Teil der Reise trat sie auf dem Seeweg von Walen­stadt bis hierher an. Dann wurde sie entladen und schliesslich im Niederdorf gehandelt und verkauft.

Und was war dabei die Rolle der heutigen Testex?
Seide war sehr, sehr teuer zu dieser Zeit. Und sie wurde nach Gewicht gehandelt. Weil nun feuchte Seide schwerer ist als trockene, wollten Käufer möglichst trockene und Verkäufer möglichst feuchte Seide han­deln. Die 1846 gegründete, unabhängige Zürcher Seidentrocknungsanstalt garantierte ein standardisiertes Verfahren und somit die Basis für sicheren und fairen Handel. Unsere Preis- und Marktdaten waren für die Stadt Zürich damals so wichtig, dass sie täglich in der NZZ abgedruckt wurden.

Der Seidenhandel ist heute hier nicht mehr anzutreffen. Nichts erinnert mehr an diese Zeit.
So kann man das nicht sagen. Viele Haus- und Strassennamen erinnern noch heute daran. Seidengasse, Seidenhof … und viele heutige Bankiersfamilien waren früher bedeutende Seidenhändler.

Was passierte mit der Seidenindustrie?
In den 1940er Jahren gab es eben eine dieser Disruptionen. Mit der Erfindung des Nylons waren auf einmal feine Gewebe zu einem Bruchteil des Preises auf dem Markt und die Seidenindustrie erlebte einen völligen Zusammenbruch. Dies in Kombination mit der kriegsbedingten Weltwirtschaftskrise und der Isolation der Schweiz in Europa führte zu einem regelrechten Kollaps.

Was blieb für Ihr Unternehmen übrig?
Kaum mehr etwas. Der Niedergang kam unerbittlich. Zum Glück hatten wir unsere Immobilien.

Wieso?
Nun ja, zu unseren Gründungszeiten war Zürich eine kleine Stadt und hier vorne am Bürkliplatz gab es nicht viel. Unsere Geschäftsräume befanden sich direkt am Paradeplatz, nahe an den Verladestellen. Diese Immobilie konnten wir teuer verkaufen und zogen an die Bärengasse.

Zwei sehr gute Adressen.
Das fand auch die damalige Schweizer Kreditanstalt und wollte uns unser grosses Gebäude unbedingt abkaufen. Wir hatten Glück und einfach immer nahe am Wasser gebaut. Dass sich die Bahn­hofstrasse so rasant entwickeln würde, lag gar nicht so in unserem Fokus. Doch die
Immobilienpreise waren für damalige Verhältnisse schon sehr gestiegen und das An­gebot sehr verlockend. Deshalb nahmen wir das Geld und zogen an den Stadtrand. Also an den damaligen Stadtrand. An die Gotthardstrasse, direkt neben den damals noch recht neuen Bahnhof Enge.

Auch eine sehr, sehr gute Lage!
Ja, heute. Doch damals Sumpfland. Zwei Jahre dauerte das Bauen, weil es so morastig war.

So hatten Sie die Möglichkeit, finanzielle Engpässe zu überwinden, doch heute geht es Ihrer Firma blendend. Nur dank der Immobilien?
Nein, ganz und gar nicht. In den 70er Jahren gab es viele Umweltskandale und es fand sich auch Gift in Textilien. Das Bewusstsein wuchs und wir brachten zusammen mit zwei Partnern in Deutschland und Österreich das Label OEKO-TEX auf den Markt. Genau das richtige Produkt zur richtigen Zeit. Schnell mussten unsere teilweise bis zu zehn Untermieter Schritt für Schritt ausziehen, wir wuchsen und brauchten den Platz wieder selbst.

Und so geht es gerade weiter.
Ja. Ich kam 2001 vom Technologiekonzern Huber Suhner zu Testex. Dort leitete ich die Division Textil und hatte über Jahre neue Märkte aufgebaut, weltweit, doch mit Fokus auf Asien. Als wir begannen, uns nach neuen Partnern umzusehen, nahm die Globalisierung gerade so richtig Fahrt auf. Seither hat sich unser Geschäft verzehnfacht.

Schweizer, die in China und Indien Unternehmen prüfen?
Wir prüfen vor allem im Auftrag unserer Kunden. Westliche Unternehmen, die nach westlichen Massstäben für westliche Konsumenten prüfen lassen wollen. Nun geht es aber schon weiter. Wir entwickeln unsere Standards immer weiter, sodass jemand automatisch alle welt­weiten Anforderungen erfüllt, wenn er bei uns prüfen lässt.

Was prüfen Sie denn heute? Oder anders gefragt: Seide wird ja heute wohl kaum mehr unzulässig befeuchtet. Was ist heute das Problem?
Fälschungen der Inhalte oder der Herkunft. Normale Wolle in angeblich reinem Kaschmir. Wir prüfen mittlerweile schon lange nicht mehr nur physikalisch, wir können bis zur DNA alles untersuchen. Und dann natürlich alle anderen Aspekte. Auch soziale wie Kinderarbeit oder Umweltstandards.

Die Arbeit geht Ihnen also nicht aus?
Nein, es scheint, dass sie erst so richtig beginnt.

Wieso?
Die UNO mit ihren SDG Sustainable Development Goals, Integrated Reporting, Nachhaltigkeitsaspekte, GRI … all dies sind sehr originäre Konzepte. Wir bringen diese ganz konkret in die Textilindustrie. Umsetzbar und kontrollierbar.

Testex AG
Testex ist ein weltweit tätiges und unab­hängiges Prüf- und Zertifizierungsunter­nehmen mit Schwerpunkt in der Textilprüfung. Neben dem Hauptsitz in Zürich verfügt Testex über 27 weitere Niederlassungen.

Serge Rolle
Serge Rolle ist seit 2001 CEO der Zür­­cher Testex Gruppe. Therefore unter­stützte Testex bei der Konzeption, Umsetzung und Produktion des Geschäftsberichts.